So!: Interview – 10. Juni 2017

Venedig ist ein magischer Ort

In den Donna-Leon-Krimis spielt Annett Renneberg die Signorina Elettra. Ein Sonntagsgespräch über Sonnenaufgänge am Canal Grande, Peter Zadeks „Hamlet“ und das Glück, auf einem Bauernhof zu leben.

So!: Frau Renneberg, seit 2006 begleiten Sie Donna Leon auf deren Lesereisen. Was haben Sie in diesen elf Jahren von der Schriftstellerin lernen können?

Annett Renneberg: Donna Leon ist in jeder Lebenslage äußerlich gelassen. Ihr Leitspruch, an den ich mittlerweile sehr oft denke, ist: „Smile and say Thank you.“ Das finde ich eine schöne Haltung dem Leben gegenüber, denn es findet sich immer etwas, wofür wir dankbar sein können.

So!: Donna Leon sagt, sie schätze Ihren Humor. Ist sie selbst ein witziger Reisepartner?

Renneberg: Oh, ja! Sie kennt unglaublich viele absurde und komische Geschichten, die sie gern erzählt. Ich liebe ihre trockene Art. Und was sie erzählt, ist entweder sehr klug oder sehr lustig. Sie ist eine wunderbare Gesprächspartnerin.

So!: Wie viele Wochen im Jahr verbringen Sie denn beim Dreh an der Seite von Uwe Kockisch als Commissario Brunetti in Venedig?

Renneberg: Wir drehen alle zwei Jahre, zwei Filme nebeneinander. Das ist produktionstechnisch günstiger. Je nach Größe der Rolle bin ich einige Tage oder bis zu zwei Wochen da.

So!: Ist es ein Privileg, als Schauspielerin in einer solchen Stadt zu drehen, die viele als Traumort empfinden?

Renneberg: Ja, natürlich. Es ist ein Geschenk, an diesem Ort drehen zu dürfen. Ich bin dort sehr gern eine gewisse Zeit. Dann zieht es mich immer wieder nach Hause aufs Land, dann fehlen mir das satte frische Grün, die Bäume und Blumen.

So!: Haben Sie eine Lieblingsstelle in der Lagunenstadt?

Kurz & knapp
Annett Renneberg, 1978 im thüringischen Rudolstadt geboren und in Ostberlin aufgewachsen, wurde mit 13 Jahren fürs Fernsehen entdeckt. Eigentlich wollte sie nach dem Abitur Operngesang studieren, doch dann bot ihr Regisseur Peter Zadek eine Rolle in seiner Inszenierung von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ bei den Salzburger Festspielen an. Renneberg entdeckte ihre Liebe zum Theater, weitere Bühnenengagements folgten, hauptsächlich Arbeiten mit Zadek. Daneben spielte sie in mehr als achtzig TV- und Kino-Produktionen, sehr populär ist ihre Rolle der Signorina Elettra in den Verfilmungen der Donna-Leon-Romane um Commissario Brunetti. Seit 2006 tritt Renneberg mit eigenen Bühnenprogrammen auf, singt, rezitiert und musiziert. Seit 2006 begleitet sie Donna Leon auf deren Lesereisen und liest und moderiert die Abende. Mit ihr wird sie am 19. Juni auch nach Meiningen zur „Frühlingslese“ ins Theater kommen. Seit Sommer 2014 lebt Annett Renneberg mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern.
Renneberg: An Drehtagen heisst es für mich immer sehr früh aufstehen. Ich lasse mich dann aber nicht mit einem Boot abholen, sondern laufe. Es ist großartig, im Morgengrauen durch die Stadt zu gehen, die noch nicht wach ist. Ich begegne den Müllmännern, und nur einige Bars haben schon geöffnet, aus ihnen durftet es nach Kaffee und warmen Brioches. Wenn mein Weg mich über die Accademia-Brücke führt und ich auf den Canal Grande schauen kann, der im ersten Sonnenlicht rosa schimmert, im Hintergrund die Basilika „Santa Maria della Salute“, bin ich glücklich. Schöner kann ein Tag in Venedig für mich nicht beginnen.

So!: Donna Leon ist inzwischen wieder weggezogen, weil sie es nicht mehr ertragen hat, wie die Stadt zum Disneyland für Touristen verkommt. Teilen Sie ihre Sorgen und Ängste, was Venedig betrifft?

Renneberg: Da wir seit 1999 dort drehen, habe ich einige Veränderungen auch selbst beobachten können: Es ist im Laufe der Jahre immer weniger ursprüngliches venezianisches Leben zu finden. Das ist sehr schade. Trotz dieser Veränderungen ist die Stadt ein magischer Ort.

So!: Sie wollten immer Opernsängerin werden, die Schauspielerei empfanden Sie als nettes Hobby. Es musste schon ein Regisseur wie Peter Zadek kommen, um Sie umzustimmen. Wie hat er Sie überredet?

Renneberg: Zadek war ein sehr musikalischer Mensch, er liebte Musik, aber unsere erste Zusammenarbeit war eine Oper, und da hatte er wohl manchmal darunter gelitten, dass Sänger im Zweifel eben doch schauen, ob sie den Dirigenten gut sehen können und ihr Gesang funktioniert und darum nicht alle Wünsche des Regisseurs für ihre Darstellung umsetzen. Er wollte ja auch immer „seine“ Schauspieler wie eine Familie um sich haben. Und offenbar hatte er mich als neues Mitglied auserkoren, da sollte ich natürlich nicht auf anderen Pfaden wandeln. Sein überzeugendstes Argument war dann aber das Angebot der „Ophelia“ in seiner herausragenden Hamlet-Inszenierung mit Angela Winkler in der Titelrolle. Als das kam, sagte ich dem Gesangsstudium adé.

So!: Sie stehen auf der Theaterbühne und vor der Kamera. Was machen Sie lieber?

Renneberg: Ich spiele mittlerweile lieber Theater. Eine Rolle über mehrere Tage, Wochen und manchmal sogar Jahre spielen zu können, ist eine tolle Erfahrung, weil die Darstellung sich verändern und entwicklen kann. Ich stehe gern auf der Bühne und lese auch sehr gerne vor.

So!: Sie waren nie auf einer Schauspielschule. Ihr Motto ist „Entweder man hat Talent oder nicht“. Ist es denn wirklich so einfach?

Renneberg: Nein, ist es nicht. Als ich das sagte, war ich noch sehr jung und hatte keine Ahnung von den Fallstricken dieses Berufes. Ich habe mittlerweile einige Situationen erlebt, in denen ich gern das Rüstzeug einer Schule gehabt hätte.

So!: Sie spielen in Krimis lieber das Opfer oder die Täterin, nicht so gern die Ermittler. Die, habe ich gelesen, finden Sie meistens eher langweilig.

Renneberg: Ja. „Wo waren Sie gestern zwischen 19 und 22 Uhr? Kannten Sie den Toten? Warum haben Sie uns nicht früher informiert?“ So Sachen sind irgendwie immer gleich.

Ich mache eine Ausnahme: Ermittlerin in Schwerin oder anderswo in Mecklenburg würde ich sofort werden wollen. Gut, zwei: In Bremen auch, weil ich da acht Jahre glücklich gelebt habe. Da habe ich einen Bezug zur Umgebung, das wäre dann doch schön.

So!: Sie wollten mal nach New York. Jetzt leben Sie auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern. Ist da was schief gegangen?

Renneberg: Nein, ich konnte mich schon als Kind nicht entscheiden, ob ich lieber Bauerstochter oder Prinzessin sein wollte. Nun habe ich beides irgendwie. Es ist alles ganz wunderbar so!

So!: Gefeierte Schauspielerin in der großen weiten Welt. Und privat ein Leben mit der Familie -Sie sind zweifache Mutter – auf dem Land. Haben Sie sich das so erträumt?

Renneberg: Meine Träume waren: ein Leben auf dem Land mit viel Platz drumherum und Tieren; auf der Bühne stehen (als Vierjährige wollte ich Ballerina werden) und irgendwie kreativ sein. Über Kinder habe ich lange nicht viel nachgedacht, aber sie sind heute das Schönste in meinem Leben. Albert Schweitzer hat gesagt: „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ Das ist jetzt mein Antrieb. Ich hoffe immer, dass ich meinen Söhnen eine gute Mutter bin.

So!: Sie haben bereits als Zweijährige ihren thüringischen Geburtsort verlassen. Gibt es trotzdem noch Beziehungen dorthin?

Renneberg: Nach dem Tod meiner Großeltern und meines Onkels, die in Rudolstadt lebten, bin ich nicht mehr oft dort. Aber es leben viele Verwandte in ganz Thüringen verstreut und immer, wenn ich auf einem Bahnhof oder an einem Zug „Saalfeld“ lese, sehe ich die Saale und die Wiesen vor mir. Auch die kurvige Strasse von Jena nach Rudolstadt, die durch so viele kleine Dörfer führt, kenne ich noch sehr gut. Wir sind sie früher so oft gefahren – ich konnte mit geschlossen Augen den Streckenverlauf „sehen“. Da mir aber schnell schlecht wird, bei Kurven, hab ich die Augen immer schnell wieder aufgemacht. Wir hielten oft zum Mittagessen in einem kleinen Gasthaus in Maua, kurz hinter der Autobahn. Seit es dort eine neue Autobahnauffahrt gibt, ist es leider nicht mehr gut zu erreichen. Was sehr schade ist, die Klöße und der Sauerbraten dort waren ein Gedicht!

Interview: Andrea Herdegen
Wochenend-Magazin „So!“