Festspielheft der Salzburger Festspiele 2016

Es ist eine Rolle wie geschaffen für sie: Eine Schauspielerin, die eine Sängerin spielt. Nicht irgendeine Sängerin, sondern die „Königin der Nacht“. Wenn es in der Gesangskunst so etwas wie einen Olymp gibt, dann thront die „Königin der Nacht“ an seiner Spitze. „Ich musste nicht lange überlegen, ob ich die Rolle annehme“, lacht Annett Renneberg: „Ich habe das Stück kurz vor oder kurz nach meinem Abitur gelesen und habe es schon damals grandios gefunden.“

Das Stück ist „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, eines von Thomas Bernhards Künstlerdramen, in denen es gleichermaßen um die Verheißungen der Kunst geht wie um ihre Abgründe. Das Drama um drei Menschen, die an ihrer Lebensgeschichte verzweifeln. Oder um es in den Worten von Renneberg zu sagen: „Da ist der Vater, dessen Lebensinhalt im Alkohol liegt und darin, seine Tochter zu allen Aufführungen zu begleiten. Dann gibt es den Doktor, dessen Lebenswerk eine medizinische Abhandlung werden soll. Und dann gibt es die Sängerin, die Königin der Nacht, die sich in einer unglaublichen Professionalität der Gesangskunst widmet und die daran verzweifelt, dass sie schon über 200 Mal die gleiche Partie gesungen hat. Sie befindet sich in einer künstlerischen Krise. Diese drei Personen kreisen umeinander, reden in Bernhardscher Manie aneinander vorbei. Und handeln dabei die gro- ßen Themen von Leben, Tod und Beziehungen ab.“

Seit Anfang April probt Renneberg gemeinsam mit Sven Eric-Bechtolf (Doktor) und Christian Grashof (Vater) unter der Regie von Gerd Heinz in Salzburg. Lange Zeit, um sich auf die Rolle einzustimmen, hatte Renneberg nicht. Ursprünglich war Johanna Wokalek für die Rolle vorgesehen, musste diese aber zurücklegen.„Als ich gesehen habe, dass sich das zeitlich ausgeht, bin ich sofort eingesprungen“, erzählt Renneberg. Dazu muss man wissen, dass die 1978 in Rudolstadt geborene Schauspielerin ursprünglich Opernsängerin werden wollte. Nachdem sie aber ein Jahr nach ihrer Matura von Peter Zadek entdeckt wurde, der beim spätabendlichen Rumzappen beim Film „Maja“hängen blieb, in dem Renneberg die Titelrolle spielte, hatte dies maßgeblichen Einfluss auf Rennebergs Lebensweg. Zadek besetzte Renneberg in der Inszenierung der Oper„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ bei den Salzburger Festspielen (1998) als Erzählerin.

Nachdem ich Sängerin werden wollte, habe ich das Ganze nicht so ganz ernst genommen. Für mich war das ein großes Abenteuer und ich kannte auch Zadek kaum. Ich hatte damals noch ein Zwergkaninchen. Das war drei Monate bei den Proben dabei.“Auf die „Mahagonny“-Inszenierung folgte die Rolle der Ophelia in Zadeks „Hamlet“, dann die Solveig in seinem „Peer Gynt“. Und aus dem Traum von der Opernsängerin wurde die Realität einer prominent besetzten Schauspielerin.„Heute weiß ich, dass ich für die Solistenkarriere, wie ich sie mir vorgestellt habe, nicht die Stimme gehabt hätte. Und im Chor zu singen, war nie meine Intention.“

Mittlerweile reist Annett Renneberg in Salzburg nicht mehr mit Zwergkaninchen, sondern mit Kind und Kegel an. Gerade ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden, seit wenigen Jahren lebt sie nach Jahren in Berlin gemeinsam mit ihrer Familie auf dem Land in Mecklenburg. Die Prioritäten haben sich verschoben, weil die Familie in den Mittelpunkt gerückt ist, und weil Renneberg, die mit 13 Jahren fürs Fernsehen entdeckt wurde, dort weiterhin ihr zweites Standbein hat. Mit der Rolle der Signorina Elettra in den Verfilmungen der Donna Leon-Romane rund um„Commissario Brunetti“ist sie einem breiten Publikum bekannt. „Mir hat zwar das Theater immer besser gefallen“, erzählt Renneberg,„aber ich habe immer gerne auf zwei Hochzeiten getanzt. Das ist ja das Tolle am Beruf des Schauspielers: Man kann so viele verschiedene Sachen machen, muss sich nicht immer festlegen. Sonst hätte ich auch Bankbeamtin werden können.“ Ein Glück für die Zuschauer, dass sich Annett Renneberg das nie ernsthaft überlegt hat.

Stephan Hilpold