Nachtkritik

Annett Renneberg ist die Königin der Nacht, die „Koloraturmaschine“, wie es im Text vermeintlich so diffamierend heißt. An dieser Figur und ihrer Interpretation aber wird deutlich, was für hohen Respekt Thomas Bernhard vor Sängern und anderen Künstlern hatte. Auch wenn ihm keine Kunst heilig gewesen zu sein scheint. Jedenfalls nicht der Umgang mit ihr.
Gier nach Ikonen
Annett Renneberg setzt auf stimmliche Differenzierung. In der Szene in der Künstlergarderobe schleudert sie ihre Sätze wie ent-menschlicht heraus, kalt und rauchig, um immer und immer wieder die glockenhellsten Koloraturen anzusetzen. Schließlich steht der Auftritt der sternenflammenden Königin unmittelbar bevor. Dann, beim Diner, wird sie sich menschlich geben, momenthaft fast herzlich – und damit angreifbar, verletzlich. Ihr erbarmenswertes Husten will ja keiner der Männer hören, schon gar nicht der Arzt, der sich ein letztes Mal handfest in die Anatomie des männlichen Unterleibs hinein steigert.
Vom Kleid der Königin der Nacht muss man auch reden! Der sommerliche Festspiel-Boulevard giert ja nach Ikonen. Der Styropor-Elefant in Mammutgröße und der lebende Esel in Richard Strauss‘ „Liebe der Danae“ sind heuer solche Bewunder-Dinge, so wie das Swarowsky-kristallbesetzte Kleid der Anna Netrebko für eine konzertante Opernaufführung (angeblich das teuerste der Festspielgeschichte) – und eben das Kostüm der Königin, das so recht zur Geltung kommt, wenn Annett Renneberg die hohe Stufe hinauf steigt zum links und rechts von einem Blumenmeer umgebenen Schminktisch und kurz wie eine Statue in Rückansicht verharrt. Wie eben der Arzt sagt: „Menschen und Geschöpfe sind zweierlei“ … und erst Kunst-Geschöpfe!