MEERraum – Juli 2015

„Ich hatte mir überlegt, als kleine Zugabe noch ein Lied zu singen, nicht wissend, dass dies absolut verboten ist“
Im Interview mit der Schauspielerin Annett Renneberg

An manchen Tagen liegt Venedig am Schweriner See. An diesem Tag sollten wir Glück haben. MEERraum verabredet mit Annett Renneberg, und die Landeshauptstadt zeigt sich passend dazu von ihrer sommerlich-schönsten Seite. Alles kommt so, wie es kommen soll. Das erfahren wir später. Die Schauspielerin ist hochschwanger, bestens gelaunt und begleitet uns sogar auf einen kleinen Spaziergang an das vollkommen friedliche Seeufer, das zusammen mit „Signorina Elettra“ eine Ahnung vom fernen Venedig vermittelt. Zuvor sprachen wir über Donna Leons berühmte Krimiverfilmungen, kleinere Gefahren im echten Leben, Berliner Baustellen, Theaterlegenden und die Liebe zum Land.

Wann haben Sie zuletzt Akkordeon gespielt?

Vor über einem Jahr, muss ich gestehen. Das ist leider schon sehr lange her, was auch daran liegt, dass mein kleiner Sohn ein bisschen Angst vor der Lautstärke hat. Deshalb spiele ich eher Klavier. Hinzu kommt noch, dass das Akkordeon eher sperrig ist. Ich habe das ja lange gelernt, aber schon früher darunter gelitten, dass es nicht ein Instrument ist, an das man sich einfach dransetzt. Da sind die Lederriemen, außerdem musste man als Kind festgebunden werden, um keine schlechte Haltung anzunehmen. Ich habe die Kinder beneidet, die ihre Geige in die
Hand nehmen und losfiedeln konnten. Auch war das Klavier immer mein Trauminstrument, und jetzt im Erwachsenenleben zeigt sich leider, dass ich das Akkordeon viel zu selten zur Hand nehme.

Könnte man sagen, dass Ihre Schauspielkarriere auf einem Baustellengelände in Berlin begann?

Absolut ja. Das war 1991, der Hackesche Markt befand sich gerade im Umbau. Und dort fand das Vorsprechen für einen Kinderilm statt, zu dem mein Bruder eingeladen war. Er ist vier Jahre jünger als ich und ich sollte ihn abholen, weil wir danach Schuhe kaufen gehen wollten. Ich habe mich auf diesem Baustellengelände tatsächlich verlaufen und kam in ein Vorsprechen für ältere Kinder, das Wort Casting gab es damals noch nicht. Ich war zunächst ganz irritiert, aber der Regisseur und der Regieassistent sagten dann, bleib mal hier. Und am Ende erhielt ich nach mehreren Vorsprechen die Hauptrolle in diesem Fernsehilm. Mein Bruder hat es leider knapp verfehlt, ein Junge aus seiner Klasse bekam den Part.

Ein zweites folgenschweres Ereignis scheint das Zusammentreffen mit Peter Zadek zu sein, der Sie 1999 bei den Wiener Festwochen als Ophelia in „Hamlet“ besetzte. War es eher Verplichtung oder Glück, mit einer solchen Regielegende zu arbeiten?

Das war auch ein besonderes Zusammenkommen. Er hatte damals, weil er nicht schlafen konnte, zufällig im Nachtprogramm einen Film von mir gesehen und daraufhin meine Agentin angerufen, weil er mein Gesicht noch nicht kannte. Er brauchte eigentlich eine Ophelia, wollte aber, weil ich noch so jung war, erst einmal testen, ob ich vor einem großen Publikum nicht schreiend weglaufe. Dann hat mich Peter Zadek mit auf die größte Opernbühne Europas genommen, was ja eine schöne Logik ist. Tatsächlich war das am Anfang auch schwierig, und ich bin von den Technikern in Salzburg manchmal nicht so nett behandelt worden. Ich war oft zu leise, bekam dann einen Mikroport, das fanden sie wohl nicht so gut. Er hat mich dabei aber ganz toll beschützt. Bei den Proben zu „Mahagonny“ hat er mir schließlich die Besetzung als Ophelia angeboten. Mit dieser Rolle bin ich später durch ganz Europa gereist.

Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Ich vermisse ihn sehr, wie ganz viele meiner Kollegen. Er fehlt in der Theaterlandschaft. Er unterschied sich sehr von den anderen alten Regielegenden. Claus Peymann zum Beispiel, an dessen Berliner Ensemble ich unter Zadek lange gearbeitet hatte, beschrieben Kollegen eher als cholerisch, als jemanden, der herumschrie und Angst verbreitete, was Peter nie gemacht hat. Unter Angst kann eigentlich kein Mensch etwas Kreatives zustande bringen. Er war zwar gefürchtet für seine sehr ins Herz und ins Mark treffende Kritik, aber sie war eigentlich immer konstruktiv. Wir haben uns, glaube ich, auf eine Art sehr geliebt. Er war eine Großvaterfigur für mich. Er fehlt uns allen, mit seinem Kopf, seinem Herzen, als kreativer Macher. Und als jemand, der etwas erzählen will.

Zu Ihrem Repertoire gehören unter anderem Texte von Shakespeare, Ibsen, Goethe, Schiller, Hölderlin, Brecht, Kafka, Kempowski und sogar persische Literatur. Was kann uns die Sprache solcher Dichter heute noch geben, was gibt sie Ihnen?

Eine ganze Menge. So hatte ich mich, als diese Anfrage kam, mit persischer Lyrik noch gar nicht befasst. Ich wusste zwar, weil ich Goethe gerne lese, wer Hais ist, kannte aber Saadi noch nicht, einen im Iran eigentlich viel bekannteren Dichter. Diese Lyrik war für mich eine ganz tolle Entdeckung. Das ist das Schöne an unserem Beruf, dass man sein Repertoire ständig erweitert und immer neue Bausteine dazu kommen. Dass man entdeckt, wie vielfältig die Welt ist und welche großartige Kunst es gibt.

Lief bei der Lesung in Schiraz alles nach Protokoll?

Das war eine der absurdesten Lesungen, die ich jemals erlebt habe und hat mich sehr an die DDR erinnert, nur noch mit einigen Extras on top. Die Temperatur lag bei 38 Grad, ich sollte um 17:00 Uhr anfangen und musste natürlich auch verhüllt sein. Es war also sehr warm. Zunächst wurde ich von meinem Lesepartner, er hatte die persischen, ich die deutschen Texte, nicht begrüßt. Vielleicht hat er einen schlechten Tag, dachte ich. Dann folgten langatmige Reden, der Schweiß rann. Es kam ein Musikquintett von Männern mit Rauschebärten, die spielten wieder eine halbe Stunde. 19:45 Uhr wurde ich schließlich auf die Bühne gerufen, mit von Süßigkeiten verklebtem Mund, Wasser gab es nicht dazu. Ich hatte mir überlegt, als kleine Zugabe noch ein Lied zu singen, nicht wissend, dass dies absolut verboten ist. Frauen dürfen im Iran öffentlich keine Lieder singen, denn das verführt die Männer noch stärker als ein unbedeckter Kopf. Warum es allerdings keine Scheuklappen für Männer gibt und sich immer die Frauen verhüllen müssen, das ist eine andere Frage.

Wie konnte der Eklat noch verhindert werden?

Nur weil wir dort so lange warten mussten, flüsterte ich zufällig dem Veranstalter zu: Ich weiß nicht, ob ich nachher noch singen kann. Er wurde ganz bleich und klärte mich auf (Lacht). Zu guter Letzt musste ich während des einstündigen Vorlesens in meinem engen Kleid dann auch noch knien, das war so vorgesehen und die Mikrofone waren entsprechend eingestellt. Ich kam mit eingeschlafenen Beinen davon und sorgte dafür, dass ich bei den folgenden Terminen stehen durfte.

Und die Reaktionen des Publikums?

Die Begegnungen waren großartig. Gerade auch die Frauen waren dankbar und so begeistert, dass Europäer dorthin kommen. Ein ganz tolles Land mit sehr warmherzigen, gastfreundlichen Menschen. Es ist schade, dass sie politisch so klein gehalten werden. Wir sind 2009 drei Tage nach der verpatzten Wahl dorthin geflogen und sahen brennende Busse und Schlägereinheiten, die mit Gummiknüppeln durch Teheran rannten. Und es roch nach Feuer die ganze Nacht. Die grüne Revolution hätte ganz leicht in einen Krieg kippen können.

„Ich bin ein ganz normaler Zuschauer und vergesse… auch komplett, wie ein Film gemacht wird“ – ein Zitat von Ihnen. Welche Illusionen über die Branche kann man verlieren, wenn man Filme dreht?

Dass alle eine große Familie sind. Natürlich herrscht Konkurrenz. Und ich finde, dass der deutsche Fernsehilm heute leider nur noch wenige kreative Köpfe im Hintergrund hat. Das ist eine Illusion, die viele meiner Kollegen und ich verloren haben, was auch ein wenig traurig macht. Ganz oft geht es nur noch um Quote, wenig um Risiko, Mut und darum, etwas Neues auszuprobieren. Wir bleiben beim Altbewährten und erzählen uns gegenseitig, dass die Leute das auch sehen wollen. Leider sitzen dort ganz oft altbackene TV-Redakteure, die teilweise nach Haarfarbe entscheiden. Was ich da schon alles mitbekommen habe…

Meist werden auf der Theaterbühne Lebenswege und Revolutionen durchgespielt. Manchmal ist auch das Theater selbst Gegenstand des Kampfes, wie gerade in Rostock, wo Sie schon einen Kafka-Abend gestaltet haben. Wie finden Sie es, dass Politiker so über die Abwicklung von Sparten und Intendanten entscheiden?

Ich halte das für einen ungeheuren Vorgang, was dort passiert ist. In Berlin wird an der Volksbühne gerade etwas Ähnliches versucht, aber in Rostock ist es noch viel schlimmer. Diese Leute wollen einfach nicht verstehen, dass Kultur etwas unheimlich Wichtiges ist. Die einseitige
Beurteilung nach ausschließlich nichtkreativen Maßstäben wird ihnen irgendwann wieder auf die Füße fallen. Und dann wundern sich Politiker immer, dass bestimmte Werte verloren gehen oder Pisa-Studien so schlecht ausfallen. Es gibt diesen Spruch: Jedes Kind, das einen Geigenkasten in der Hand hat, hat keine Hand frei für einen Stein.

Sie sind bei Lesungen schon mehrfach mit Donna Leon aufgetreten, in deren Krimi-Verilmungen Sie die Signorina Elettra spielen. Zitat Donna Leon: „Annett hat Humor, wir sind wie Laurel und Hardy, wie Max und Moritz“. Hat jemand jemals etwas noch Schöneres zu Ihnen gesagt?

Natürlich, mein Mann. Donna und ich haben uns wirklich gefunden und es wird jedes Jahr lustiger. Sie ist ein Weltstar, aber eigentlich ganz unkompliziert. Naja, meistens (Schmunzelt). Wir haben großen Spaß zusammen. Es ist eine allgemeine Lebenserfahrung, dass fast jeder Mensch mehrere Gesichter bzw. Seiten hat.

Welche Geheimnisse hätten Sie zu verbergen?

Jetzt geht es ans Eingemachte. Im Privatleben schaffe ich es zum Beispiel nicht, so gelassen zu sein wie im Beruf. Ich bin oft nicht so geduldig, wie ich es gerne wäre. Wenn zu vieles auf mich einströmt, komme ich recht schnell aus der Balance und das gefällt mir nicht. Auch beim Streiten gibt es zu Hause oft die italienische Variante, aber ich arbeite daran (Lacht).

Stimmt es, dass Sie für Ihr Haus auf dem Land Ziegelsteine abgeklopft und mit dem Trecker Bäume umgesetzt haben?

Ja klar, das war toll! Ich bedaure manchmal, dass ich heute eher in die Rolle der Hausfrau gerückt und für die Kinder so wie Innenräume zuständig bin. Und die tollen schweren Arbeiten, die wir uns in der Renovierungszeit geteilt haben, macht mein Mann jetzt allein oder mit anderen Männern. Das gefällt mir nicht immer.

Was verbindet Sie in kurzen Worten mit der Landschaft Mecklenburg Vorpommerns und wie hat Sie das Aufwachsen in Berlin geprägt?

Heimat. Weite. Stille. Das satte Grün und die tolle Luft. Ich bin hier heimisch geworden und möchte auch nicht wieder weg. Ich bin ja in Berlin aufgewachsen und habe das auch nie in Frage gestellt, mir aber schon als kleines Mädchen gewünscht, entweder Prinzessin oder Bauerstochter auf dem Land zu sein. Ich war immer hin- und hergerissen. Mein Leben jetzt – Schauspielerin und Leben auf dem Land – ist die eigentliche Essenz dieser beiden Wünsche.

Gibt es einen Lieblingsstrand oder -Badeort an der Ostsee?

Mit meinen Eltern habe ich jeden Sommer an der Ostsee in Prerow verbracht, was unheimlich prägend war. Seit ich erwachsen bin, ist mein Lieblingsort Hiddensee.

Ihr Lebensmotto lautet „Alles kommt so, wie es kommen soll“, wie Sie in einem Interview verraten haben. Welches ist unser Beitrag dafür?

Nicht vergessen, über den Tellerrand zu schauen und den Egoismus so gering wie möglich halten. Empathie und Toleranz sind ganz wichtige Aspekte. Und wenn ich darüber hinaus eine bestimmte Filmrolle nicht bekomme oder als ich mein ursprüngliches Wunschstudium Gesang nicht antreten konnte, trauere ich diesen Dingen nicht lange nach. Irgendwo öffnet sich eine andere Tür.

Interview: Ricky Laatz
Fotos: Peter-Paul Reinmuth