Die Herrin der Bälle – Die Bühne, 2016

Der TV-Star spielt Theater und zwar die Königin der Nacht in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige”

Obzwar der Titel ihre zwei männlichen Mitspieler nennt, steht die weibliche Hauptrolle, die Königin, im Zentrum des Dramas. In der Garderobe der Wiener Staatsoper warten die beiden Herren auf das Erscheinen der Sängerin, die an diesem Abend zum 222. und wahrscheinlich letzten Mal die Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte singen wird. Der „Ignorant“ ist der dem Alkohol verfallene Vater der Sängerin, der sie auf ihren Tourneen begleitet, der „Wahnsinnige“ ist ein befreundeter Arzt und Bewunderer der Sopranistin. Der Doktor nützt die Wartezeit, um seiner Obsession, der anatomischen Zergliederung des menschlichen Körpers, zu frönen. Er referiert zunächst über die Sektion eines Gehirns.

Im zweiten Akt lässt das Trio im Restaurant „Zu den drei Husaren“, das in den 1970er-Jahren als Luxusadresse galt, nach der Vorstellung den Abend ausklingen. Festspielintendant und Starschauspieler Sven-Eric Bechtolf hat sich die Bravourleistung als wahnsinniger Doktor selbst zugemutet, der Stammschauspieler des Deutschen Theaters Berlin Christian Grashof gibt den ignoranten Vater und Annett Renneberg die Königin. Die in Ost-Berlin aufgewachsene Schauspielerin hat sich in bisher 22 Folgen der DonnaLeon-Krimiverfilmungen als Signorina Elettra eingeprägtjene freundlich-subversive Sekretärin des schrulligen VizeQuestore Michael Degen und kluge, heimliche Unterstützerin von Commissario Brunetti Uwe Kockisch.

„Ich bin zum Casting gefahren, kannte weder Donna Leon noch ihre Bücher, Krimis gehören auch heute nicht zu meiner bevorzugten literatur“, erinnert sich die heute 38-jährige Schauspielerin. „Mir war nicht bewusst, was für ein Glück diese Rolle für mein weiteres Leben bedeuten würde und dass ich sie so lange spielen würde können – bald 20 Jahre! Ich merkte erst an den Reaktionen der Menschen, was für einen Fang ich gemacht hatte. Durch meine Bekanntschaft mit Donna Leon und unsere häufigen gemeinsamen Lesungen spielt die Elettra auch über die Filme hinaus eine große Rolle in meinem Leben.“ Im Juni, bevor sie sich wieder intensiv der Königin zuwandte, drehte sie noch zwei Donna Leon-Folgen in Venedig. Zu Hause ist sie mittlerweile in Mecklenburg-Vorpommern bei Schwerin, wo sie sich mit ihrem Mann und zwei kleinen Söhnen eine lange gehegte Sehnsucht nach Landleben „mit Buddeln, Pflanzen und Hühnerhaltung“ erfüllte.

Annett Renneberg hatte ursprünglich eine Ausbildung als Opernsängerin angestrebt, diese wurde aber durch ein Zufallsengagement ins erlesene Zadek-Ensemble abgebrochen. Der Regieguru hatte sie beim nächtlichen Zappen in dem Film Maja, in ihrer erst zweiten Rolle, entdeckt. So kam es bei den Salzburger Festspielen zu ihrem Bühnen-Debüt, 1998 in Zadeks Inszenierung Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Danach spielte sie an anderen Orten unter des Meisters Ägide noch dreimal, darunter Ophelia in der denkwürdigen Inszenierung mit Angela Winkler als Hamlet. Das neuerliche Salzburger Engagement kam nach achtjähriger Bühnenpause, seit Zadeks Tod, überraschend. „Mit Regisseur Gerd Heinz zu arbeiten ist eine Freude für mich, er arbeitet sehr genau und sagt von Beginn an, was er sich vorstellt,“ meint Annett Renneberg. „Das ist ein Unterschied zu Peter Zadeks Arbeitsweise, der wochenlang nur zuschauen konnte und minimale Weisungen vornahm. Er hat auch manchmal vorgespielt, aber das war immer sehr lustig, er hatte diesen leisen Humor und immer spürte man seine große liebe zu uns Schauspielern.

Gerd Heinz ist selber Schauspieler, und wenn er etwas vormacht, ist es präzise und stark.“ Der angesprochene Regisseur leitete in den 1980er-Jahren das Schauspielhaus Zürich, inszenierte vorwiegend in seiner deutschen Heimat, aber auch in Wien am Volks- und am Burgtheater. Ihn interessieren an Thomas-Bernhard-Stücken weniger die Beschimpfungstiraden, als der besondere Sprachrhythmus. „Ich glaube, dass Bernhards Stücke in ihren Amplituden sozusagen nach oben in die Musikalität und nach unten in die Tiefenpsychologie ausschlagen. Der Hochseilakt einer Bernhard-Aufführung besteht meines Erachtens darin, auf der einen Seite die Form zu respektieren und auf der anderen Seite die Psychologie der Figuren mitzuspielen. Also weder psychologischer Realismus, aber auch keine rein formale Sprachoper.“ Die Uraufführung von Der Ignorant und der Wahnsinnige, 1972 bei den Salzburger Festspielen, überlebte die Premiere nicht. Thomas Bernhards Regieanweisung für den Schluss des Stückes, „die Bühne ist vollkommen finster“, konnte Regisseur Claus Peymann im Kampf gegen die Behörde nicht durchsetzen. Die Notbeleuchtung im Zuschauerraum wurde nicht abgeschaltet, weshalb Bernhard mit der Begründung: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht erträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus!“, in Absprache mit Peymann jede weitere Aufführung untersagte. Für den Sommer 2016, 44 Jahre nach diesem Skandal, wurde das Dunkelheitsproblem schon im Vorfeld mit der Behörde gelöst.

Die Salzburg-Rückkehr nach 18 Jahren verdankt Annett Renneberg der Absage von Johanna Wokalek. „Ich glaube nicht an Zufälle, das ist mir zu passiv“, meint die Einspringerin. „Ich glaube an ein immer wieder neues Zuwerfen, von Gott oder dem Universum. Und wo einer wirft, bedarf es auch eines Fängers.lch kann die Bälle, die mir zugespielt werden, natürlich auch fallen lassen oder ihnen ausweichen, ich kann mich entscheiden, sie mehr oder weniger elegant weiterzuspielen. Ich habe mich damals für Zadek und sein Theater entschieden und damit den Ball des Gesangsstudiums hinters Tor rollen lassen, ich habe mich 2001 gegen einen gut bezahlten Fernsehfilm und für einen Low-Budget-Kinofilm entschieden, bei dem ich dann meinen jetzigen Mann kennenlernte. und so gibt es jeden Tag für uns alle Entscheidungen, die unser weiteres Leben bestimmen. Was für ein Glück, dass ich damals nach München zum Brunetti-Casting flog und nicht, wie erst geplant, zu einem Freund nach New York! Jetzt habe ich ganz schön viel über Bälle geredet, wahrscheinlich wegen der Europameisterschaft!“

EVA MARIA KLINGER