Die Presse: Auftritt der Königin – 20. Juli 2016

Doppeltes Comeback: Für ihre Rolle in Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ kehrt Annett Renneberg zurück zum Theater und nach Salzburg.

„Das Genie / ist eine Krankheit / der ausübende Künstler / eine solche Entwicklung / ist ein Krankheitsprozess / den die Öffentlichkeit / mit der höchsten Aufmerksamkeit verfolgt.“ Dieses spricht eine der drei Haupt­figuren in Thomas Bernhards Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, der Doktor, zu seinem Gegenüber, jener Schauspielerin, die sich auf ihren Auftritt als Königin der Nacht vorbereitet.

Ebendiesem Prozess der Erkrankung, dem Zugrundegehen am eigenen Genie sozusagen, wohnt das Publikum also aus nächster Nähe bei, denn die weibliche Hauptfigur beginnt Symptome einer Krankheit, möglicherweise einer Krankheit zum Tode, an den Tag zu legen – bis das Stück mit den von ihr gesprochenen Worten „Erschöpfung / Nichts als Erschöpfung“ in völliger Dunkelheit endet. Wobei diese völlige Dunkelheit 1972 bei der Uraufführung des als Auftragsarbeit der Festspiele entstandenen Stücks eben nicht herrschte; gesetzliche Bestimmungen, die es weiterhin gibt, verhinderten dies. Es kam zu großer Entrüstung, Bernhard und Regisseur Claus Peymann zogen die Produktion zurück, und die Beziehung des „Ignoranten“ zu Salzburg war wegen des sogenannten Notlichtskandals nachhaltig getrübt.

Der Regisseur der Neuinszenierung für die Festspiele, Gerd Heinz, will davon nicht mehr sprechen und unterstreicht in einem Begleittext, dass sich „die Häme sowie der Skandal“ von damals nunmehr getrost ausklammern ließen. Annett Renneberg freilich, die die weibliche Hauptfigur der Königin der Nacht in Bernhards Stück gibt, wurde im Zuge der Vorbereitungen einer durchaus geteilten Erwartungshaltung gewahr: „Anscheinend scheiden sich die Geister weiterhin an Bernhard, auch in Salzburg. ,Der Ignorant und der Wahnsinnige‘ hat eine eigene Geschichte, weil hier die Uraufführung stattfand. Nach 44 Jahren kommen wir nun an gleicher Stelle erstmals wieder damit heraus, das ist schon sehr spannend. Wie wir übrigens die Causa mit der Notbeleuchtung am Ende lösen, darf ich noch nicht verraten, aber man hat sich auf jeden Fall etwas Originelles einfallen lassen.“

Zurück in Salzburg. Es ist aber nicht nur für das Stück eine Rückkehr zu den Ursprüngen, sondern auch für die Schauspielerin Annett Renneberg. Bereits als Teenager war sie für Film- und Fernsehproduktionen entdeckt worden, 1998 holte sie dann Peter Zadek erstmals zum Theater – und eben nach Salzburg. „Damals war das mein Bühnendebüt beziehungsweise überhaupt mein Theaterdebüt. Es fühlt sich also für mich sehr speziell an zurückzukehren und ganz besonders schön. In den vergangenen acht Jahren habe ich überhaupt kein Theater gespielt, weil ich zweimal Mutter wurde, also ist auch das eine Rückkehr“, fasst Renneberg zusammen. Untätig ist sie in dieser Zeit nicht gewesen, bloß ließen sich Dreharbeiten leichter mit ihrem Familienleben vereinbaren. Einem größeren Publikum ist sie wahrscheinlich als jene Signorina Elettra ein Begriff, die dem Titelhelden in den Verfilmungen der Commissario-Brunetti-Krimis von Donna Leon zur Seite steht. Wegen dieser Verpflichtung verbringt sie bereits seit 1999 regelmäßig viel Zeit in Venedig, wobei sie durchaus Parallelen zwischen den beiden Touristenhotspots ausmacht: „Ich fand es schon bei den ersten Proben im Mai zum Teil grenzwertig, durch die Getreidegasse zu gehen; so viele Touristen waren da. Aber ich kenne das aus Venedig, mit Menschenmassen in engen Gassen bin ich vertraut.“ Salzburg kennt sie freilich nicht so gut wie die Heimat von Donna Leon (die sich ja dagegen verwehrt, dass ihre erfolgreichen Krimis ins Italienische übersetzt werden): „Ich beobachte, wie sich die Stadt in den vergangenen Jahren verändert hat – in jedem Jahr wird es schwieriger, echtes venezianisches Leben sehen zu können. Donna Leon sagt immer: ,It’s Disneyland.‘ Es ist so schade.“

Wenn sie heute nicht arbeitet, lebt Annett Renneberg mit ihrer Familie auf einem Bauernhof, wo sie auch Schafe und Hühner hält. Wie das gemeinhin unterschätzte, weil hochintelligente Federvieh seine soziale Hackordnung etabliert, sei, so Renneberg, auch für Berufsfelder wie das ihre aufschlussreich: „Natürlich gibt es im Theater ganz klare Hierarchien. An der Spitze steht die Regie, auch die Schauspieler sind weit oben, es folgen diverse Abstufungen.“ Daran ist schwer zu rütteln, und ein weiterer Aspekt stört sie besonders: „Leider gibt es auch die Bezahlung betreffend weiterhin ein deutliches Gefälle zwischen Männern und Frauen.“

Kein Korsett. „Es hat für mich nie den Tag X gegeben, ab dem ich gesagt habe: ,Ich bin jetzt Schauspielerin‘“, erzählt Renneberg, die bereits als Teenager zu drehen begonnen und sich lang mit dem Gedanken getragen hat, noch Gesang zu studieren oder eine andere Ausbildung zu absolvieren. In einem ihrer frühen Interviews meinte sie, das Absolvieren einer Schauspielschule sei weniger wichtig als mitgebrachtes Talent. „Das würde ich heute etwas anders ausdrücken“, stellt sie klar. „Denn es gab in meinem Werdegang durchaus Situationen, in denen ich mir dachte, jetzt hätte ich gern ein technisches Korsett, wie man es in der Schauspielschule vermittelt bekommt.“

Die richtigen Sprechtechniken zu beherrschen, das sei ohnehin unabdingbar, gerade auch für Bernhards Königin der Nacht: „Die Rolle ist sehr anspruchsvoll für die Stimme – der schnelle Wechsel zwischen Sprechen und Singen, und im zweiten Teil dann auch zwischen Sprechen und Husten.“ Als Herausforderung empfand sie anfangs auch den Text: „Bernhards Sprache ist ganz außergewöhnlich – besonders schön, aber auch sehr schwierig.“ Sie selbst habe just die Figur, die sie nun in Salzburg spielt, schon in Jugendjahren fasziniert, als sie sich noch mit dem Gedanken trug, Gesang zu studieren. Nun, nach einer erfolgreichen Karriere in verschiedenen Sparten des Schauspiels und im Erwachsenenalter, sind es andere Aspekte, die sie faszinieren: „Zum einen gibt es die menschliche Ebene, jene der Beziehungen der Figuren zueinander. Zum anderen die Krisen der Per­­sonen in ihrem Wirkungsbereich: der Doktor, der an seinem Lebenswerk schreibt, der dauertrinkende Vater und die getriebene erschöpfte Sängerin. Diese Ebenen werden von Bernhard kongenial miteinander verwoben und verschachtelt.“